Richard Beer-Hofmann an Arthur Schnitzler, 28. 4. 1899

Lieber Arthur, ich bin hier um Wohnung zu suchen, und lese soeben daß eine junge Dame zum Theil auch deshalb weil man ihr die Rolle der Christine weggenommen hat, sich vergiften wollte. Es steht das in einer Kärntner Zeitung, in einer Skizze von Elsbeth Meyer-Förster. Sie werden also auch hier durch Litteratur in der Litteratur – man könnte dies mit dem Quadratzeichen ausdrücken – berühmt. Morgen wenn man Ihre Stücke gibt, werde ich hier in der Wirtsstube sitzen und so wie heute die Glocken sieben läuten hören. Wenn ich bis dahin nicht todt bin; man soll überhaupt nicht »ich werde« sagen, es ist immer eine Provokation des Schicksals, und wenn ich morgen todt bin meint dann das dumme Schicksal es habe einen glänzenden Witz gemacht.
Ich wohne Zimmer Nro II. So steht über der Thür, das Schlüsselbrett und das Stubenmädchen haben mir verrathen daß II früher 13 hieß – Freitag ist auch noch gerade heute. Jetzt weiß ich nicht: Bleib ich auf Nro 13, so wird das vielleicht als Provocation aufgefasst; wechsle ich das Zimmer, so heißt es: Damit entkommt man mir nicht. Auch daß ich das so niederschreibe, wird vielleicht als fauler Ausweg durchschaut. Finden Sie nicht, daß es schwer ist sich zu benehmen? Grüßen Sie mir Brahm, und wenn Sie ihn sehen auch Kerr; den letzteren kenne ich zwar nur flüchtig aber ich laß ihn grüßen wegen des schönen Artikels über Sudermann etc.
Längstens Mittwoch bin ich wieder in Wien, – womit ich aber nichts unbescheidenes gesagt haben will –
Herzlichst
Ihr
Richard
    Kärntner Zeitung, in einer Skizze]
    Nicht nachweisbar. Inhaltliche Bedenken an der Angabe bestehen, wenn man die zwei Äußerungen der in Berlin lebenden Meyer-Förster über ihre Freundin Juliane Déry als Orientierung nimmt. In einem Leserbrief unmittelbar nach dem Suizid spricht sie deutlich von »tieferem menschlichem Leiden« als Motiv (Zu dem tragischen Hingang von Juliane Dery. In: Berliner Tageblatt, Jg. 28, Nr. 168, 2. 4. 1899, S. 3). In einem längeren Beitrag (Juliane Déry. Ein Nachruf. In: Wiener Rundschau, Jg. 3, Nr. 11, 15. 4. 1899, S. 265–267) erwähnt sie ebenfalls neuerliche Theaterambitionen der Toten.