Arthur Schnitzler an Georg Brandes, nicht abgesandt, 22. 9. 1898



*Verehrteſter Herr Brandes,

ich ſchicke Ihnen heute das Stück, welches nächſtens aufgeführt wird; es iſt das Bühnenmanuscript; als Buch hab ich es noch nicht drucken laſſen, weil ich hoffe, daſs mir bei den Proben noch manches einfallen wird, um den zweiten und den Beginn des 3. Aktes höher zu bringen; und das erſcheint mir recht nothwendig. –
– Heut hab ich eine Zeitſchrift »Das neue Jahrhundert« zugeſchickt erhalten, mit Ihrem Artikel über die Marni. *Zu dieſem Artikel ſteht auch eine unendlich liebenswürdige Bemerkung über mein erſtes Buch. Und doch wärs mir lieber geweſen, Sie hätten geſchrieben, jenes Buch iſt nicht viel werth, aber ſein Autor hat ſpäter beſſeres gemacht. Sie werden gleich wiſſen, warum ich das ſagen darf. Nach dem Anatol hab’ ich Ihnen das Märchen geſchickt und da haben Sie mir geſchrieben: »Sie haben hier eine viel höhere Stufe erreicht als in Ihrem früheren Buch« – und ebenſo ſchienen Sie – in einem Brief an mich, wie in einer Bemerkung*in »Politiken« die »Liebelei« höher zu ſchätzen als die frühern Sachen. – Und heute ſteht in Ihrem Artikel – »Sch. hat die Fähigkeit, die er hier (Anatol) bewieſen, nicht weiterentwickelt.« – Ich glaube nicht, daſs es dumme Empfindlichkeit iſt wenn mich dieſe Bemerkung ein bischen verſtit hat – denn von Menſchen, deren Urtheil uns hoch ſteht, möchten wir alles hören – nur nicht; daſs ſie uns ſtehen bleiben oder gar herunter ſteigen ſehen. Es ist ja wirklich dasnicht weſentlicher, daſs wir gelegentlich was anſtändges ſchreiben, ſondern *daſs wir uns in ſteter Entwicklung befinden – und, wie Sie ſehen, hatte ich nicht Urſache zu glauben, daſs Sie gerade das bei mir zu bemerken meinen – und ich bin vielleicht ein wenig ſtolz darauf geweſen.
Darum, mein verehrter Herr Brandes, müſſen Sie mir verzeihen, daſs ich Ihnen heute dieſen möglicherweiſe kindiſchen Brief ſchreibe; ich werde mich wahrſcheinlich morgen ſchon ſeiner ſchämen.
Seien Sie in herzlicher Ergebenheit gegrüßt von Ihrem
ArthurSchnitzler
Wien 22. 9. 98.
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    Artikel]
    Georg Brandes: Jeanne Marni. In: Das neue Jahrhundert, Jg. 1, H. 1, 1. 10. 1898, S. 14–19