Georg Brandes an Arthur Schnitzler, [13. 7. 1897]

Lieber und verehrter Herr Schnitzler!

Ich kann leider nicht mit eigener Hand Ihren liebenswürdigen Brief beantworten. Seit Ende April bin ich krank, habe eine heftige Aderentzündung, die mich zwingt ganz still zu liegen, und habe im Juni eine schwere Lungenentzündung durchgemacht, die mich dem Tode nah brachte. Jetzt ist die Lunge einigermassen heil, doch in der eigentlichen Krankheit ist noch keine Konvalescenz eingetreten. Ich werde voraussichtlich noch mehr als einen Monat im Bette bleiben müssen. Mein ganzer Sommer ist dahin. Ich habe grosse Schmerzen ausgestanden und bin noch sehr leidend.
Es freut mich sehr, dass Sie etwas in meinem Buch über Shakespeare gefunden haben. Ich lese in dieser Zeit die Korrekturbogen der zweiten deutschen Ausgabe und bin über die fürchterliche Sprache ganz erschreckt. Es wimmelt von den plumpsten Misverständnischen meines dänischen Textes; ich schreibe um und verbessere ins unendliche.
Ich bitte Sie Ihre Freunde sehr herzlich von mir zu grüssen. Hr Goldmann verstummte mir gegenüber plötzlich. Sie sind mir aber alle drei gleich lieb.
Ihr ganz ergebener
Georg Brandes