Arthur Schnitzler an Georg Brandes, 9. 7. 1897



Verehrteſter Herr Brandes,

hier fällt mir ein Zeitungsblatt in die Hand, das von Ihrem Befinden ſchreibt, und aus dem ich nicht klug werde. Sie wiſſen, wie ſehr wir Sie lieben (ich ſpreche noch im Namen einiger anderer Menſchen), und ein Wort, das Sie mir ſchrieben, oder, wenn Sie wirklich noch lei*dend ſind, mir ſchreiben ließen, brächte viel Beruhigung. Iſt es viel verlangt, wenn ich Sie herzlich bitte, dieſe Zeilen nicht ganz ohne Antwort zu laſſen?
Ich bin eben im letzten Drittel Ihres Shakespeare; langſam und mit einer tiefen Freude an dem wunderbaren *Entwicklungsgang, den Sie erzählen und einer gleichen Freude an dem unvergleichlichen Erzähler, leſe ich dieſes ſchöne Buch. Was ich immer ſo ſehr an Ihnen bewundre, hier iſt es wieder: wenn Sie ein Werk erklären, ſteigt der Menſch auf, der es geſchaffen; we Sie einen Menſchen ſchildern, ſeine ganze Zeit, und *und ſo kot aus allem, was Sie geben, der Schein und das Tönen des Lebens über die, welche es faſſen können. Vor ein paar Monaten haben Sie mich gefragt, wie mir Ihr Shakespeare gefalle – ſo darf ich Ihnen das alſo ſagen, ohne zudringlich zu ſcheinen. –
Ich hoffe ſehr, gutes von Ihnen zu hören, und bald. Meine innigſten Wünſche ſind um Sie. Ihr dankbarer
ArthurSchnitzler.
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    Zeitungsblatt]
    Eine entsprechende Meldung über eine »ungünstige Wendung« einer Lungenentzündung findet sich etwa in der Agramer Zeitung vom 9. 7. 1897 (Jg. 72, Nr. 154, S. 6).