Richard Beer-Hofmann an Arthur Schnitzler, 13. 6. 1897

Ischl 13/VI 97

Lieber Arthur, ich weiß noch gar nichts wegen Bayreuth, und will mich nicht entschließen.
Ihr Brief ist wieder so unleserlich! An was arbeiten Sie? An einem Stück – da Sie von Scenen sprechen aber soll das Unleserliche »Revolutionsstück« heißen?
Ob mich’s mit »ahnungsvoller Gegenwart ängstigt«? fragen Sie? In mir wird so Vieles jetzt Anders als es bis her war daß ich nicht weiß wie viel auf Rechnung »davon« zu setzen ist. Manchmal hab ich die Empfindung als würde ich im Herbst nicht »Vater« sondern »Großvater« wenn ich sehe wie kindisch und jung noch Paula ist, und dann muß ich wieder über mich lachen mit meiner Neigung die Dinge zu leicht oder zu schwer zu nehmen. Augenblicklich sitzen wir – das ist Paula, und ich, und die kommende Generation und Flirt der bald sechs Jahre alt wird – es gibt Hunde die achtzehn werden – in einem kleinen Lusthaus das man eigens für uns zurechtgezimmert hat. Unter uns sehen wir die Strasse, und dann die Bahn, und dann die Traun und drüben wieder die Straße.
Ich scheine recht nervös zu sein, oder sonst was, so sehr impressioniren mich jetzt gleichgiltige Dinge. Ich glaube manchmal daß ganz alte gute Leute, die bald sterben müßen diese leichte Rührung und Zärtlichkeit bei todten Dingen – wie Bäumen und Straßen, und Flüßen haben; wie ich dazu komme weiß ich nicht. Oder ist am Ende doch daran schuld daß ich weiß, daß jetzt das im Werden ist was uns – oder mich – überleben und begraben soll. Am Ende fängt mit jedem Kinderhaben doch ein unbewußtes Abdanken und Resigniren an; oder spüren wir daß wir nun überflüssig sind nachdem etwas von uns in Anderem weiter lebt.
Wann müßen Sie eigentlich wieder nach Wien zurück? Ich muß wol zwischen 15 & 20 Aug. auf einige Tage nach Wien »deswegen«. Wo werden Sie um diese Zeit sein? Wann kommt voraussichtlich Paul hieher? Grüßen Sie Schwarzkopf und Hugo von mir und schreiben Sie mir bald.
Ihr
Richard