Arthur Schnitzler an Hugo von Hofmannsthal, 6. 5. 1897

Mein lieber Hugo, Fischer hat den Satz von Mimi auf meinen Wunsch bereits ablegen lassen, und so ist die letzte Gefahr geschwunden. Ich hoffe, Sie haben meinen vorigen, zweiten Brief, in dem ich Ihnen auf Ihr diesbezügliches Ersuchen geantwortet, erhalten? – Ist es ruhig geworden im Hause Loeb? – Wie geht es der geschädigten Verfasserin der Scenen aus einem Mädchenleben?
– Die Delna hab ich schon gehört; gerade am Abend bevor Ihr Brief kam, als Orpheus. Sie hat eine mächtige, nicht immer edle Stimme; eine besondre Höhe der Darstellung und des Gesangs erreicht sie am Schluss; da bin ich tief ergriffen gewesen – bis dahin hatt’ ich die Papier nicht vergessen können. –
Jetzt eben komme ich von einer Matinée im Français, wo man den Misanthropen gegeben hat. Um hier der absoluten Größe inne zu werden, muss man sich doch erst historisch montieren, was weder bei Sophokles noch bei Shakespeare notwendig ist. Erst im letzten Akt, wo nicht mehr le misanthrope, sondern un misanthrope vor einem steht, spürt man was ewig menschliches. Es liegt wohl daran, dass alles, was in diesem Stück vorgeht, einfach die Ansicht des Helden bestätigt; er erfährt nichts neues, denn schon im ersten Auftritt weiss er, was die Menschen für ein Gesindel sind. Erst sein Entschluss, in die Einsamkeit sich zurückzuziehen, bewegt uns; wahrscheinlich weil wir wissen, dass seine ganze Menschenfeindschaft nichts ist als Sehnsucht nach guten Menschen, die er jetzt ein für alle Mal selbst zu etwas unerfüllbarem macht; denn er wird niemanden mehr kennen lernen. –
Trösten Sie sich wegen des gemischten Hausbrotes: Wochenlang hab ich ein weißes trocknes gegessen (wer nie sein Brod mit Thränen ass– !); und auch jetzt nehm ich meine Mahlzeiten in einer stockfranzösischen Familie ein, wo keine heimatlichen Gulyasdüfte aufsteigen. Sie ahnen nicht, wie viel »ganz andres« ich esse. Die hiesige Einteilung 12 Uhr Dejeuner, 7 Diner, 9 Theater, behagt mir außerordentlich.
Schöne Radpartien? Z. B. fahren Sie von der Tini aus über HeiligenkreuzAllandNeuhaus (bei Nöstach) – PottensteinVöslau. Oder: RohrerhütteKönigstetten (sehr bergig, schieben!) – Tulln, dann an der Donau zurück nach Klosterneuburg. – Sehr hübsch auch die kleine Tour TullnStockerau. Oder: RekawinkelHütteldorf (Westbahnstrecke.) Od: Wiener NeustadtReichenau. – Ich freue mich sehr, wenn wir zusammen fahren werden.
Wie lang bleiben Sie denn in Wien? Und wie wird heuer der Sommer werden? Ich möchte so gern zum Arbeiten kommen; hier spiele ich höchstens mit Plänen; aber möglicherweise ist mir durch ein merkwürdiges Zusammenfließen zweier Pläne, worunter einer der mit der Minni, etwas gutes eingefallen. –
Den Götterliebling hoff ich ganz fertig anzutreffen. Bei dem Stück von Hirschf. zweifle ich gar nicht daran. – Ist bei Ben. nach mir gefragt worden? –
Paul Goldmann hat unglaublich viel zu thun, u. wenn ich ihn nicht gerade auf seinen Excursionen zwischen Bureau u. Telegraphenamt begleite, wie z. B. gestern, wo das Brandunglück im Bazar de la Charité den Zeitungen so viel zu thun gab, hab ich eigentlich wenig von ihm. Aber sein Wesen macht mir sehr viel Freude; und er gehört zu den wenigen, an denen ich mich erhole, von denen aus mir der Weg zu mir selbst am freiesten und klarsten daliegt.
Herzlich der Ihre
Arth
Paris 6. 5. 97.
    Zusammenfließen zweier Pläne]
    Am 30. 4. 1897 überlegte Schnitzler die Stoffe »Die Entrüsteten« und »Rettung« zusammenzufügen. Ersteres handelte vom Zusammenleben ohne zu heiraten (in Anlehnung an sein Leben mit Marie Reinhard), sodass der zweite in Beziehung mit Hermine Benedict steht. Aus dem Projekt, das in diesem Stadium noch als Stück gedacht war, entwickelte sich im nächsten Jahrzehnt der Roman Der Weg ins Freie.