Hugo von Hofmannsthal an Arthur Schnitzler, 2. 5. [1897]



*Sonntag 2ten Mai

lieber Arthur,

wie komiſch man eigentlich iſt: es hat mich einen Moment ganz ſtark geärgert zu hören, daſs Sie wieder gemiſchtes Hausbrot eſſen. Ich hätte ſo gern gehört, daſs Sie auf einmal etwas ganz anderes eſſen! Aber das iſt natürlich eine Kinderei.
Hier iſt es jetzt ſehr ſchön. (Nur gerade heute regnet es zufällig.) Der Frühling war *durch eine lange kühle Zeit zurückgehalten und dann war er auf einmal da und ſo warm und ſo farbig, daſs die Farben der Blumenbeete, der Baumwipfel und des Himmels mit ihren Contouren auszutreten und die Luft zu überſchwemmen ſchienen. Das Radfahren macht mir eine große Freude: es iſt wunderſchön, ein biſſel ermüdet und erhitzt ſich irgendwo ſtill hinzuſetzen *und über die Sträuche, die Wieſen und die Hügel hinzuſchauen, und abends iſt es ſogar wunderſchön, in den Straßen der Vorſtädte zu fahren.
Schreiben Sie mir doch ein paar ſchöne kleine Ausflüge, an die sSie ſich erinnern. Ich war erſt in Weidling am Bach, und in Heiligenkreuz.
Ihre Bemerkungen über das franzöſiſche Theater verſtehe ich ſehr gut, weil jetzt gerade *eine franzöſiſche Truppe im Carltheater war und lauter ſolche Vie-parisienne Stücke geſpielt hat. Vergeſſen Sie doch nicht, die Delna als Orpheus zu hören.
Ich arbeite noch immer nichts, lerne nur fleißig an meinen romaniſchen Texten. Aber ich fühle mich doch nun recht viel freier und weniger verworren und bin viel zufriedener.
Ich freue mich recht auf Ihre Rückkehr. »Götterliebling« dürfte bald fertig ſein, auch das Stück vom Hirſchfeld.
Ihr
Hugo.
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