Lou Andreas-Salomé an Arthur Schnitzler, [25. 11. 1895]

Montag Abend.

Lieber Herr Dr,

danke für die »Liebelei«, die ich heute Nachmittag erhalten und seitdem gelesen und wieder gelesen habe. Hätte ich sie schon vorher gekannt, – den ersten Eindruck von Ihnen selbst anstatt von den Burgschauspielern empfangen, so würde die (an sich vielleicht nicht so großen) Schwächen des Spiels, besonders des Spiels der Christine, mir nicht so viel vom Besten verwischt haben. Ich kam ganz gedrückt aus dem Theater, ich konnte unter dem Spiel Ihre Eigenart nicht überall herauserkennen. Es geht ja mit dem »Hannele« auch so: erst dadurch, daß man das Werk selbst kennt, ergänzt und unterstützt man den Theatereindruck, der sonst unzulänglich bleibt, und wahrscheinlich wird es allen intimen und lebensfeinen, lebenseinfachen Kunstwerken so ergehen, auch bei guter Darstellung. Das Theater ist eben nothwendig ein grobes Ding, was ein Dichter aber mit seiner groben Hülfe in uns hervorrufen will, ist etwas so zartes.
Die »Liebelei« ist wunderschön. Von Ihnen Dreien, – von Ihnen drei glücklichen Freunden, – sind doch Sie der Glücklichste.
Mit herzlichem Gruß Ihre
LouAS.
    Glücklichste]
    Vgl. A. S.: Tagebuch, 19. 5. 1895.