Richard Beer-Hofmann an Arthur Schnitzler, 24. 9. 1895

24. 9. 95.

Lieber Arthur! Dies schreib ich Ihnen, im Boote liegend, während man mich zu einer Insel rudert, auf der ein Jupitertempel stand, aus dem der heilige Franciscus von Assisi – mein Franciscus – ein Kloster gemacht hat. Zugleich lese ich in einem Buch wunderschöne Sachen – wie das Buch aber heisst schreibe ich hier nicht, denn der Name könnte Ihnen entgleiten, und der B .  .  .  mittelst 3–4 Ausschrotartikeln es einem ruinieren und verekeln, aber es ist sehr schön. Im dritten Jahrhundert vor Christi Geburt schreibt ein Herr Posidippus – ohne »Märchen« und »Elixire«-Schmerzen – heiter konstatirend:
Sollten Ihnen Paul Hörne die »kleine Comödie«, verheirathete Frauen mit dem Schmerz anständig zu sein, das »kleine Mädel« der »Liebelei« (um Gotteswillen, wie ist die Sandrock im ersten Akt?) und mir das Dienstmädchen im »Kind« (mit Unrecht, denn die schildere ich selbst ja nicht als hervorragend begehrenswert) vorwerfen, dann werden wir mit Ihnen sagen »lasst uns lächeln« und folgende schöne Verse zitieren:

(Liebelei)

Ich war auf der Insel und wir fahren im Abendwind (man hat sechs geläutet) zurück. Die Insel ist herrlich. Seitdem ich Italien und solche Inseln wie die Borromäischen und die kenne, bewundere ich Boeklin weniger. Wie dumm waren nur die Anderen, dass sie mit solchen Augen solche Schönheiten nicht sahen. Ich will recht oft hieher, und in den Süden, man wird ein besserer Mensch hier, alles liegt so weit weg, als wenn wir es von grosser Höhe klein, und uns selbst fremd unter uns sehen würden. Wie widerlich ist das Gesindel, das mit ungezieferhafter Unruhe uns zu Hause, in Wien wieder umwimmeln wird. Aber dies Jahr sollen die Recht behalten, die mich »arrogant« nennen. Ich will ihnen eine Arroganz »hinlegen« (so sagen doch die Herren, die Ihnen die Ehre erweisen Ihr Stück zu spielen), dass sie starr sein werden. Und meine Arroganz wird nur die sein allein zu sein »höflich und allein«. Auch ein Wahlspruch für den Verkehr mit Jenen. Ich denke mit vieler Freude auch an unser Beisammensein im Winter, und wenn wir dabei immer den Daumen in der hohlen Hand verbergen, »Tütü« machen, und »unberufen« sagen, und uns noch ängstigen tut uns vielleicht auch der Neid der Götter nichts. Heute macht die Tatsache, dass wir einander haben nur unser Leben schöner und wärmer, aber ich glaube, wenn wir einmal alt sein werden und sehr Vieles, an das wir jetzt glauben, weit weg von uns sein wird, werden wir einander noch viel mehr bedeuten. Aber das möcht ich gar nicht, dass es so kommt, dass wir, wenn wir alt sind, nichts mehr haben als uns; wir sollen Greise sein mit wunderschönen hellen jungen Augen und seidenweichem weissen Haar, und sehr berühmt. So berühmt, dass sich Frauen rühmen, wenn ihre Mütter einmal unsere Geliebten waren, und junge Mädchen sich mühen sollen, um reizend zu erscheinen – und ich meine »reizend« wörtlich. Und weil wir Blumen lieb haben, und bis dahin auch den Wein lieben gelernt haben, kommen aus dem Süden täglich Körbe mit Obst und Wein und Blumen. Denn wer hinunterreist in den Süden wird an uns denken müssen, die wir, in einer Zeit, wo hässlich geschäftige Menschen lebten, die Reichtum und Anerkennung wollten und widerliche Literatur machten, die einzigen waren, die wussten, dass es Schönheit und Sonne und Liebe gibt, die nur genossen, und erkannt sein will, – nicht mehr. – Jetzt wird es aber ganz dunkel; gegen Riva zu liegt der See im Nebel, gegen Salò ist der Himmel noch rötlich, und gegen Cap Manerba steht im grünlichen Abendhimmel eine zarte silberne Sichel. Der Ruderer setzt stark ein, weil die Nacht kommt und mit jedem Ruderschlag sprüht mirs feucht ins Gesicht. Unendlich schön ists, und es wäre mir sehr leid, wenn ich jetzt ertrinken müsste. – Adieu lieber Arthur und grüssen Sie mir auch die, die Sie lieb haben, und die ich nicht kenne. Und sie hat Sie wohl jetzt noch mehr lieb als sonst, wo Sie vielleicht am Thor des Berühmtseins stehen, und sie wird sehr viel Herzklopfen haben, wenn das Orchester die Schlusstakte spielen wird. Nicht wahr! – Herzlichst Ihr
R.
Es ist finster.
    24. 9. 95]
    Am 26. antwortet Schnitzler auf den ersten Brief vom 24., nicht aber auf diesen. Da er nicht im Original erhalten ist, ist die Möglichkeit gegeben, dass er zu einem anderen Zeitpunkt verfasst ist.
    Buch]
    Anthologie lyrischer und epigrammatischer Dichtungen der alten Griechen. Hg. Edmund Boesel. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 1884.
    konstatirend]
    Das Gedicht findet sich in Boesels Anthologie auf den S. 298–299.
    Philänis]
    Die Abschrift hat »Philanis«, nach der gedruckten Zitatvorlage korrigiert.
    Verse]
    Das Gedicht findet sich in Boesels Anthologie auf den S. 299–300.
    Zur Bestimmung der Lebenszeit des Rufinus fehlt uns jeder Anhalt.]
    Zitat von S. 247.