Arthur Schnitzler an Hugo von Hofmannsthal, 10. 7. 1895

Marienbad 10/7 95.

Mein lieber Hugo,

ich bin in Prag gewesen, in Karlsbad und nun bin ich hier, wo ich wohl bis Ende der Woche oder Anfang der nächsten bleiben werde. Dann erscheine ich in Ischl, Pension Petter, wo ich hoffentlich eine Nachricht von Ihnen finden werde. Diese Zeilen werden in einer Dachkammer, nein, eigentlich in einem Dachsalon geschrieben – zwei Fenster mit eben sovielen Aussichten; beide stehen offen und alles papierne auf dem Tisch flattert und knittert. – Ich hab mich schon an manchem schönen freuen können und fühle mich im ganzen wohl, ohne in irgend einem Augenblick zu einem Hochgefühl gekommen zu sein. In Prag das merkwürdigste ein alter jüdischer Friedhof, der langsam versinkt. Seit mehr als hundert Jahren begräbt man dort nicht mehr, und die Grabsteine u. Sarkophage werden langsam von der Erde eingeschlürft. Einige sind noch zur Hälfte über dem Boden, von andern sieht man gerade noch die obersten Ränder. Alle dicht aneinander, viele schief, manche gegen einander geneigt, sich gegenseitig stützend. Darüber stille nicht sehr hohe tiefgrüne Bäume, mit so dichtem Laub, als wenn sie alle zusammen ein Dach sein wollten für diesen Friedhof, der stirbt. – Die ethnographische Ausstellung: viel interessante Stuben und Costüme. – Der Hradschin, da hat mir ein Führer erzählt, dass man im Volk in Prag den Kronprinzen Rudolf nicht für todt hält: ein Kutscher hat ihn im Jahr 91 sogar in die Ausstellung geführt, ganz bestimmt, er hat ihn erkannt. – Ein Hofbediensteter, der sehr gemessen und höflich erläutert, und der sich, wenn ihm was unhöfisches passirt, schnell wieder derfangt. Z. B. wie er den Fenstersturz berichtet: »Hier hat man die drei in den Graben hinuntergeschmissen, respective hinuntergeworfen«.
– In Karlsbad Wirkung der Curgäste als Masse, wie jeder das seine beiträgt zum Eindruck: Weltcurort; – aber man darf sie nicht einzeln ansehn, wenn man das große spüren will – denn dann sind’s Hochstapler, Zuckerkranke, polnische Juden, Gigerln, Besesny, Broda, Wilhelmine Sandrock – allerdings auch Sonnenthal (Uebergang,), einige wirklich elegante Menschen und ein paar entzückend schöne Amerikanerinnen. – Ich bin aus K. bald fort – man kann dort nur 2 Tage oder 4 Wochen bleiben. – Hier, in Marienbad, ist es behaglicher, und die Leute, die hier sind, sind nicht so stolz darauf, dass sie da sind, wie in Karlsbad. – Ein großer freundlicher Park, in dem hohe schöne Häuser stehn, die lauter Hotels sind, und ringsherum bescheidene Hügel, die sich freuen, weil man breite Wege zu ihnen hingeführt hat, und Wälder, die sich freuen, weil so brave dicke Menschen in ihnen spazieren gehn; auch die Wirthe und Kellner und Dienstmänner lächeln hier; während sie in K. alle sehr ernst sind und ihrer Würde nie vergessen können. – Hier hab ich Hänsel u Grethel im Theater gesehn, in K. den armen Jonathan, in Prag (böhmisch) Dimitrij, Oper v. Dvorak u. (deutsch) – Attaché mit Hartmann u Kallina als Gästen. –
Heut fahr ich nach Franzensbad hinüber.
Leben Sie wohl, sagen Sie mir, wie Sie sich befinden, ob Sie sich immer mehr nach dem Herbst sehnen und schreiben Sie mir sehr bald. Zum Arbeiten bin ich noch nicht gekommen; Sie? – Aber ich freu mich darauf, und das ist eigentlich viel besser.
Herzlichen Gruss. Ihr
Arthur
    Gigerln]
    Gigerl (öst.): Geck.