Arthur Schnitzler an Richard Beer-Hofmann, 26. 10. 1894

Dr. Arthur Schnitzler, Wien, IX. Frankgasse 1.
Herrn Dr. Richard Beer Hofmann

26. 10. 94

Lieber Richard, ich denke, der Brief da trifft noch vor Ihnen in Venedig ein – so bin ich also aller peinvollen Gedanken ledig, die Sie mir für den Fall dss etc profezeihen. – Heut hab ich Ihren Brief über Pompeji bekommen. »Ueber Pompeji« – d. h. wo Sie sagen, dass Sie sich nach wirklichen römischen Bädern sehnen. –
Von mir ist nichts neues zu sagen; nicht viel. – Sie wissen, dss »Sterben« jetzt allmälig erscheint, wissen auch, dss ich große Angst vor den Correcturbogen hatte. Ich bin aber angenehm enttäuscht; es ist einiges wirklich schöne drin. – Geben Sie nur Acht, was die Kritik sagen wird. Ich bin fest überzeugt, dass man mich viel schlechter, d. h. frecher behandeln wird als zu Anatols Zeiten.
– Die »Liebelei« werd ich Anfang nächster Woche einreichen (d. i. also vor 1. November.) –
Meine Stimmung ist nicht sehr gut. Ich spüre die Enge meiner Existenz zuweilen schmerzlich. Und wenn man sich über die Enge schon hinwegtäuscht durch ehrliche Versuche, wenigstens mit des Geistes Flügeln (zu denen – ach so leicht kein körperlicher u. s. w.) allem davon-zuflattern; da kommt plötzlich das gewisse Damoklesgefühl über einen. Sie wissen: die vielen, vielen Schwerter – aber sie tödten nicht einmal alle gleich. –
Es wird gut sein, wenn ich möglichst bald wieder was großes zu schreiben anfange, was vielleicht weder gut noch groß sein wird, was ein Wortspiel ist oder auch kein Wortspiel oder doch ein Wortspiel wie R. B.-H. schreiben würde, dass A. S. schreiben würde –
Ich war bei der Première der Comödianten. Es ist ein schlechtes Stück mit einigen gut angelegten Figuren, einer dramatisch vortrefflichen Scene, (– die sich wie ein lebendiges Auge, das leuchtet, in einer Wachspuppe ausnimmt;) mit ein paar vortrefflichen Wendungen – sogar mit etwas Elan im Beginn; im ganzen aber doch nur springende Episoden und keine schreitende Handlung. Was sich als letztere ausgibt, stört geradezu. Es ist der Holzstab, der durch die verzuckerten Mandeln gesteckt wird – freilich fallen die Mandeln ohne das Holz auseinander; – aber gegessen werden doch nur die Mandeln – und das Holz – nun?? man leckt es ab, woran dieser Vergleich, scheint mir, schmählich zu Grunde geht. –
Gestern hab ich wieder einmal Kabale u Liebe gesehn. Es ist unbegreiflich, dass man einen so raffinirt guten und auch innerlich großartigen ersten und zweiten Akt – und einen so unsäglich dummen fünften Akt schreiben kann. – Und dann – die Liebe bei Schiller geht mir auf die Nerven. Ihre Bemerkung über »Lebt wohl, ihr Berge« – (sind Sie geschmeichelt?) läßt sich auch da hundertmal machen. –
Kennen Sie den Komödiantenroman von Scarron? Eben lese ich ihn mit viel Vergnügen. – Ich werde zum Nachtmahl gerufen. Leben Sie wohl, kommen Sie bald zurück, und schämen Sie sich nicht, dass Sie sich sogar – nach den Wiener Kaffeehausecken sehnen. –
Herzlich der Ihre
Arthur.
Sie schreiben mir natürlich auch noch eine Zeile aus Venedig? –
    Première]
    Am 20. 10. 1894 am Deutschen Volkstheater.