Arthur Schnitzler an Georg Brandes, 12. 6. 1894

IX. Frankgasse 1.
Wien, 12. Juni 94.

Hochverehrter Herr,

es ist nicht schwer sich vorzustellen, wie viel Bücher Sie zugesandt bekommen, und als ich mir erlaubte, Ihnen die meinen zu schicken, hab ich natürlich gehofft – habe aber gewiss nicht darauf gerechnet, dass Sie Zeit und Lust haben würden, die Bücher eines ziemlich Unbekannten zu lesen. Und nun habe ich Ihren Brief bekommen, mit all dem liebenswürdigen und ehrenvollen, das er enthält; und ich kann Ihnen gar nicht sagen, eine wie tiefe Freude er mir bedeutet hat. Auf eine kurze Reise, von der ich eben zurückgekehrt bin, hatte ich Ihr letztes mir unbekanntes Buch »Menschen u Werke« mitgenommen. Ich bin es gewohnt, Ihre Bücher mit der stillen Bewunderung zu lesen, die man großen und fernen Geistern entgegenbringt; diesmal habe ich aber auch andres empfunden. Ich glaube, es war eine Art von Stolz. Mit einem Male ist meine Existenz in das Bereich Ihres Schauens gerückt, und wenn ich Ihnen sage, dass ich Sie verehre, so geht meine Stimme nicht unter den tausenden verloren, deren Namen Sie nicht kennen. Diese vielleicht etwas hochmütige Empfindung blieb mir von der ersten bis zur letzten Zeile, – und, ich will es Ihnen nur gestehn, sie hat mir so wohl gethan, dass ich mir sehr fest vorgenommen habe, von Ihnen nicht wieder vergessen zu werden. Ihre Worte, hochverehrter Herr, sind mehr als Anerkennung, Lob, Ermuthigung – ich betrachte sie als Würde, die mir verliehen ist; – lassen Sie mich Ihnen aufs innigste dafür danken.
Es ist Ihnen, hochverehrter Herr, kaum bekannt geworden, dass »Das Märchen« bereits aufgeführt worden ist. Man hat es in Wien, im Deutschen Volkstheater gegeben. Die zwei ersten Akte gefielen; der dritte misfiel so gründlich, dass er das ganze Stück mitriss. Insbesondere scheint man über die moralischen Qualitäten des Stückes wenig erbaut gewesen zu sein; – ein Kritiker rief mir zu: »Um Reinlichkeit wird gebeten«; ein anderer sprach geradezu von der »wahrhaft erschreckenden sittlichen Verwahrlosung«, von der das Schauspiel Zeugnis gebe. Eine Berliner Bühne, die das Märchen schon angenommen hatte, trat auf den Wiener Miserfolg hin von ihrer Verpflichtung zurück, und somit kann ich wohl die Bühnenlaufbahn dieses Stückes als abgeschlossen ansehn. – Ich habe mich beinahe verpflichtet gefühlt, Ihnen diese äußern Umstände mitzutheilen, die mich anfangs wohl verstimmt haben, die ich aber bald als das betrachten konnte, was sie sind – als äußere Umstände. –
Nochmals, hochverehrter Herr, bitte ich Sie meiner tiefsten Dankbarkeit und meiner unveränderlichen Bewunderung versichert zu sein,
Arthur Schnitzler
    Um Reinlichkeit wird gebeten]
    Emil Granichstaedten: Deutsches Volkstheater. In: Die Presse, Jg. 46, Nr. 334, 3. 12. 1893, S. 1–2, hier S. 2.
    wahrhaft erschreckenden sittlichen Verwahrlosung]
    –r–: (Deutsches Volkstheater.) In: Das Vaterland, Jg. 34, Nr. 333, 2. 12. 1893, S. 7.
    Berliner Bühne]
    Das Lessing-Theater hatte es bereits im Dezember 1891 angenommen.