Lou Andreas-Salomé an Arthur Schnitzler, 15. 5. 1894

Sehr geehrter Herr,

ich habe kürzlich erst Ihren »Anatol« kennen gelernt und, Dank der Freundlichkeit des Herrn Dr Goldmann, darauf auch die beiden Manuskripte »Eine überspannte Person« und »Halb zwei« lesen dürfen. Das war ein großer Genuß, so groß, wie ihn nur die echtesten Bücher geben. Wenn man sich hinterher darüber klar zu werden versucht, was ihn in jedem einzelnen Fall bedingt hat, so steht man überrascht vor der Fülle von Talent, die zusammmenströmen mußte, um diese feinen Sachen zu schaffen. Denn es ist eine Verbindung von Geist, Gestaltungskraft und dichterischer Stimmung in ihnen, wie sie gewiß selten vorkommt. Und doch ist es nicht einmal dies, was ich am meisten daran bewundere, sondern daß es gelang, etwas an sich Gehaltvolles mit so unvergleichlich leichter und zarter Hand zu formen, daß es in den Feinheiten der graziösen Form gleichsam verflüchtigt wird. Man erhält, wie im Tanz, das Gefühl der aufgehobenen Schwere eines Gegenstandes. Und dennoch bleibt der Eindruck des Gehaltvollen, Inhaltvollen, nach beendeter Lektüre bestehen, ja er verstärkt sich noch, indem man die einzelnen Scenen unwillkürlich noch vorwärts und rückwärts weiterspinnt, als handle es sich um ein geschautes Stück wirklichen Lebens mit offenen Perspektiven nach beiden Seiten. Im »Anatol« gilt dies am meisten von »Weihnachtseinkäufe« und »Denksteine«, und im höchsten Grade von den beiden Manuskripten, die, meiner Empfindung nach, den »Anatol« übertreffen. Das eine derselben, »Eine überspannte Person«, war mir auch noch besonders merkwürdig wegen der Art, wie hier die Frau von den Frauen in allen übrigen Einaktern angehoben wird, und wegen der ironischen Beleuchtung die, schon vom vortrefflichen Titel aus, hier auf den Mann fällt. Es wäre interessant, dieses kleine Drama nach einer bestimmten Seite hin in Vergleich zu ziehen mit »Ein Märchen«, welches ja wahrhaftig ebenso gut heißen könnte: »Ein überspannter Mann,« – und zwar ohne ironischen Nebenklang im Titel. Wird man nicht davon frappirt, wie einfach, selbstverständlich und natürlich das Gefühl in der »überspannten« Frau, und wie gänzlich verdreht und verbildet es dagegen im überspannten Mann ist? Mann und Frau, so einander gegenübergestellt, nehmen sich fast wie Krankheit und Gesundheit aus. Und verräth es nicht etwas, wenn ein Autor, um die Frau in ihrer tiefern Liebesempfindung zu schildern, nur auf das Nächste, Natürlichste zurückzugreifen braucht, während er im gleichen Fall beim Mann sogleich in eine ganze Wirrniß von zwiespältigen verzwickten und widerspruchsvollen Empfindungen hineingeräth? Auf mich hat das »Märchen« weit schwächer gewirkt als der »Anatol« und es kam mir vor, als sei eine viel geringere poetische und plastische Kraft darin lebendig, aber der Grund kann auch sein, daß ich Ihren Märchenhelden absolut nicht leiden mag und deshalb dem Autor Unrecht thue. Auffallend ist es, wie schlecht der Mann überhaupt in Ihren Dichtungen wegkommt, – so schlecht, daß man versucht ist, an ein klein wenig Verläumdung zu glauben. Gleichviel ob er sich als der verhältnißmäßig Bravere oder Bösere giebt, – immer ist er, neben der Frau, der Uninteressantere. Alle diese Frauen sind ihm, und wäre es auch nur in der Unschuld ihrer Nichtsnutzigkeit, irgendwie überlegen. Eine wunderliche Sorte von Selbstverleugnung des Autors liegt in fast jedem Strich, mit dem der Mann den Frauen gegenüber geschildert ist, – wer den Mann so schildert, räumt der Frau damit den Platz. Ich kann in den von Ihnen gewählten Fällen die Richtigkeit Ihrer Darstellung in diesem Punkt nicht recht beurtheilen, aber natürlich bin ich, als Frau, außerordentlich bereit, ihr ohne Weiteres jede nur denkbare Lebenswahrheit zuzugestehn. –
Sie werden gewiß etwas verwundert sein, wenn dieser gänzlich überflüssige Brief Ihnen zukommt, doch das hat Ihr Freund, Herr Dr Goldmann, ganz und gar auf seinem Gewissen. Ich hätte sonst vielleicht bescheidentlich den Mund gehalten, da es nach meiner Erfahrung nur wenig oder gar keine Freude macht, Stimmen aus dem Publikum über Arbeiten zu vernehmen, die einem doch an's Herz gewachsen sind, wenn sie was taugen. Nur die paar seltenen Menschen, die man liebt oder die man fürchtet, sollte man darüber hören. Denn das, was man am liebsten hat, theilt man ja nicht leicht und nicht gern mit vielen Andern, und noch weniger gern läßt man es von Andern analysiren und begucken, ganz einerlei ob Lob oder Tadel dabei herauskommt.
In jedem Fall aber wollte diese Schreiberei Ihnen herzlichen Dank sagen für gute Stunden.
Lou Andreas-Salomé.
Paris, 15. V. 94.