Wilhelm Bölsche an Arthur Schnitzler, 12. 6. 1893

Wilhelm Bölsche 12. VI. 93

Friedrichshagen.

Hochgeehrter Herr Dr!

Sie haben ein Recht, ungehalten zu sein, aber ich wünschte Sie in meine Lage, um dann Ihr Urteil zu hören. Ihr Mahnbrief ist bis jetzt unbeantwortet geblieben, weil ich verreist war, – eine äußerst notwendige Ruhepause! Daß Ihre Novelle nicht vorher erledigt war, ist ja eine redaktionelle Sünde. Bei der Masse der Einsendung und in Anbetracht des Umstandes, daß ich die Redaktion bis in jede Couvertadresse hinein ganz allein zu besorgen habe, ist es mir allerdings noch nicht einmal als »Ideal« aufgetaucht, spätestens in 8 Tagen jede Einsendung erledigen zu können, zumal da ¾ der Einsender selbst bei dicken Romanen und Dramen nicht bloß redaktionelle, sondern auch noch »wirkliche« Urteile verlangen.
Was Ihre Novelle anbetrifft, so ist sie mir psychologisch nicht recht durchdringlich: in dieser fragmentarischen Form liest sie sich bloß wie eine Umschreibung des Lombroso’schen Dogma’s von der gleichsam prädestinierten Dirne, aber nicht wie eine Dichtung. Entschieden verlangt dieser Stoff viel mehr Fleisch und Blut, und vielleicht bearbeiten Sie ihn so noch einmal. Die Szene, wie das Mädchen dem Bräutigam ihre Gefühle bekennt, halte ich für psychologisch sehr unwahrscheinlich!
Mit herzlichem Gruß
Ihr
W. Bölsche
    prädestinierten Dirne]
    In seinem Werk La donna delinquente. La prostituta e la donna normale (1893, deutsch Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte, 1894) vertrat Cesare Lombroso die These – analog zu den zum Verbrechen geborenen Männern –, dass die Prostitution mancher Frauen aus ihren natürliche Anlagen erklärbar sei.