Fedor Mamroth an Arthur Schnitzler, 4. 6. 1893



Redaktion.[1] Frankfurt a. M., 4. Juni 1893
Telegramm-Adresse:
Zeitung Frankfurt Main.

Sehr verehrter Herr Doctor!

Ich habe Ihren Roman »Der ſterbende Herr« mit einer Theilnahme geleſen, die mir noch ſelten eine eingereichte Arbeit eingeflößt hat. Ich beglückwünſche Sie zu dieſer Dichtung, in der ſie den feinen Geiſt eines Poeten und die ſcharfe Beobachtungsgabe des Arztes mit merkwürdiger Ergänzungskunſt verſchmolzen haben. Allein »Der ſterbende Herr« iſt kein Zeitungs- ſondern ein Buchroman; erſtens nicht aus Gründen, die ich an dieſer Stelle nicht zu erörtern vermag. Darf ich mir erlauben, Ihnen einen Rath zu ertheilen, ſo würde ich Ihnen dringend empfehlen, für die Veröffentlichung Ihrer ſchönen Arbeit, die Ihnen einen verdienten Erfolg einbringen wird, ohne Verzug einen Verleger zu ſuchen. Mein Intereſſe daran iſt ein ſo aufrichtiges, daß es mir ein Vergnügen wäre, Ihnen auch perſönlich in dieſer Richtung zu dienen, wenn ich dem Kreiſe der deutſchen Verleger leider nicht völlig fernſtünde. Aber ich kann mir nicht denken, daß Ihnen eine Placirung der Arbeit Schwierigkeiten bereiten ſollte. Es gibt doch gewiß Unternehmer von Urtheil u. Geſchmack, die den Werth einer ſo hervorragenden Compoſition zu ſchätzen wiſſen! Eine Änderung des Titels würde ich Ihnen ernſtlich *in Vorſchlag bringen. Wie denken Sie über »Das letzte Jahr« oder »Ende« oder »Ein Todesurtheil« oder »Der Wille zum Leben« u. ſ. w. All das heißt auch nicht viel, aber es ſcheint mir doch beſſer als der gewählte Titel.
Verſäumen Sie nicht, mir Nachricht zu geben, ſobald der Roman unter Dach u. Fach gelangt.
Hochachtungsvoll
Ihr
ergebener
Dr FMamroth.
  1. 1 Für die Redaktion bestimmte Briefe und Sendungen wolle man nicht an die Person eines Redakteurs, sondern stets an die Redaktion der Frankfurter Zeitung adressiren.
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