Friedrich M. Fels an Arthur Schnitzler, 1[6]. 2. 1893

Lieber Dr. Schnitzler!

Verzeihen Sie, daſs ich Ihnen heute erst schreibe; aber erst gestern hat sich entschieden, wo ich wohne, – und ich bin ier so müde! Aber ich will der Reihe nach erzählen.
Die Fahrt war furchtbar ermüdend: zum Mittageſsen in Franzensfeste 20 Minuten Aufenthalt, in Villach 15 – das war alles. Zum Glück hatte ich verhältnismäſsig angenehme Gesellschaft, darunter Dr. Rullma, den Redakteur des Grazer Tagblatts. Er lebt jetzt auch hier, wohnt aber unten in der Stadt.
Dr. Schreiber ſat Gemahlin haben mich äuſserst freundlich und liebenswürdig empfangen; letztere läſst bestens danken. Sehr unangenehm aber waren die Eröffnungen, die mir ihr Herr Gemahl machte. Nachdem er konstatiert hatte, daſs ich im höchsten Grad anämisch sei, erklärte er mir rund heraus, von einer Heilung bien 4 Wochen – ich getraute mich gar nicht mehr, von 16 Tagen zu sprechen – köe überhaupt nicht die Rede sein; vor 15. Mai *d. h. vor 3 Monatene er mich nicht entlaſsen. Dabei sagte er nicht etwa: We Sie früher fortgehen, werden Sie später die Folgen zu spüren haben – o nein! sondern ganz einfach: »Sie werden vor 3 Monaten nicht arbeitsfähig sein!« Das ist doch ein Argument, das zieht.
Sehen Sie, lieber Dr., ich hatte Recht, als ich meinte, es sei fertig mit mir. Die Aussichten auf die deutsche Zeitung ſind doch entschieden vorbei, und auch die Kunstchronik wird bei einer so langen Abwesenheit verloren sein. Also stehe ich, we ich nach Wien koe, wieder ohne jede Einnahme da, der Mildthätigkeit überlaſsen. – Auf der andern Seite sehe ich absolut nicht ein, wie so lange den Aufenthalt in Meran bestreiten. Die Pension im Hotel ohne Wein, Licht und Heizung beträgt 3 fl (ich habe, als Journalist, von den üblichen 4 fl einen abgehandelt. Alle Leute, auch Dr. Schreiber, haben mir zum Hotel geraten, weil ich hier Gesellschaft und mehr Anregung finde als im Privatquartier; auch sei’s nicht teuerer); da ich absolut nicht gehen ka und darf, muſs ich mir jeden Tag einen Rollwagen nehmen, der fl 1.–1.20 kostet; nehmen Sie dazu Wein, Licht, Heizung, Cigarren etc – so köen Sie sich ungefähr einen Begriff von den Ausgaben machen. Dagegen werde ich noch einnehmen:
*1) die Sue, die Sie so gütig waren, mir zu versprechen
2) das Ergebnis zweier Salungen, die Steinbach bei der Neuen Freien Preſse und Gelber beim Neuen Tagblatt veranstalten werden (we ſie es thun!)
3) eine Unterstützung von je 50 fl, die ich vielleicht! von der Concordia und von der Schillerstiftung erhalte. – Das ist zwar viel, aber es reicht doch nicht. – –
Jetzt leben Sie wol – meine Hand ist müde, und Sie wiſsen alles Wichtige – und seien Sie nebst Beer-Hofma, Loris und den andern herzlich gegrüſst von
Ihrem
Fels
Für wie schwach mich Schreiber erklärt, köen Sie aus meiner Kurvorschrift ersehen:
1) ¼ Ltr Milch mit 1 Kaffeelöffel Cognac 4mal tägl.
2) Waschung 27°, Halbbad 26° mit sanften Frottierungen und Übergieſsungen. »Man ka ja mit Ihnen nichts anfangen.«
18. Februar 1893]
Obzwar eindeutig auf den 18. datiert, geht aus dem Korrespondenzstück Schnitzlers an Hofmannsthal hervor, dass er an diesem Tag bereits in Wien war.
Grazer Tagblatts]
Dies ist falsch, er arbeitete für die Grazer Tagespost.