Karl Kraus an Arthur Schnitzler, 22. 1. 1893



*Wien, 22/I 93.
Lieber Herr Doctor! Bin grade in einer Hochzeit drin; beeile mich aber trotzdem Ihren lieben Brief, den ich eben erhielt, zu beantworten; ich hatte nämlich gleich nachm. für Sie Kritikauschnitt vorbereitet u. dazu ein Briefchen geſchrieben, welches ich nun freilich nicht benutzen kann.
Alſo ich bin in der angenehmen Lage, Ihnen einen Ausschnitt bereits heute verschaffen zu können. Anbei ist er.
*Haben Sie zufällig Fr. Bühne Januarheft in die Hand bekommen?
Leſen Sie den Artikel von F. Holländer über Hermann Bahr, den er in geradezu dummer Weiſe in den Himmel hebt. Dort finden Sie bei der Stelle über Bahr’s Dora-Schmarren, den Holl. für das größte psycholog. Kunſtwerk hält (!!!!), eine ſehr, ſehr ſchmeichelhafte Bemerkung über einen gewiſſen Arthur Schnitzler. Verzeihen Sie mir, Liebster, den Franz Moor. Soll gewiss nimmer vorkommen! bitte, bitte! Viele GrüßeIhr ſehr ergeb.
Karl Kraus
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    Artikel]
    Felix Hollaender: Von Hermann Bahr und seiner Bücherei. In: Freie Bühne, Jg. 4, Nr. 1, 1. 1. 1893, S. 82–89.
    Dora-Schmarren]
    Hermann Bahr: Dora. Berlin: S. Fischer 1893 (erschienen November 1892). Schmarren, hier: Unsinn.
    schmeichelhafte Bemerkung]
    S. 88: »Ich weiß bei uns Niemanden, der nach diesem Büchlein sich mit Bahr messen könnte; in Oesterreich käme nur noch Arthur Schnitzler in Betracht.«
    Franz Moor]
    Vgl. A. S.: Tagebuch, 14. 1. 1893.