Arthur Schnitzler an Hugo von Hofmannsthal, 27. 7. 1891



*Wien, 27. Juli 1891.
Verehrter Freund, eine Karte, die ich eben von Paul Goldma bekoe, eriert mich, wie üblich es iſt, Briefe zu beantworten, und wie ich Ihnen ſchon längſt hätte ſchreiben ſollen, ja, wie ich Ihnen ſogar hätte ſchreiben wollen, we mein Gehirn nicht die ganze letzte Zeit über todte Stellen hätte hinwegkoen müſſen. In zweierlei Perioden bietet einem das Leben was, in der der Anfänge, wo tauſenderlei über einen kot, und man *jeden Tag ein neues Blatt herzunehmen hat und nur drauflos zu begien. Da die andre Periode, wo man das Bedürfnis des Abſchließens hat – wo man die alten Blätter nit und einem alle möglichen Worte, Punkte u Gedankenſtriche einfallen, – die man vergeſſen hat. Die erſte Periode: wo man ſich an ſich berauſcht, die zweite: wo man ſich an ſich beruhigt. Ich bin jetzt in keiner von beiden, alſo arm und blöd. Nervös, ſehr. Beer-*Hofma iſt auch ſchon weg, das wiſſen Sie ja. – In die Kugel ko ich ſelten, es waren ſchon ein paar Ausſchuſsſitzungen; Specialcomités ſind gewählt worden; ich ſitze im Theatercomité zuſammen mit Pernerstorfer, Wengraf, Osten, Kafka, Kulka. –Bis jetzt iſt noch nicht viel geſcheidtes herausgekoen. – Mit Salten bin ich viel zuſaen, auch auf dem »Land« des Abends. Burckhard hat mir den Alkandi mit einigen ſchmeichelhaften Worten *zurückgeſandt – ich hab’ ihn angenoen. Mein Stück ruht und iſt mir zuwider. – Wie geht es Ihrem hielblauen Einakter? Und wollen Sie mir nichts von Ihren Sachen ſchicken? Sie würden mir eine wirkliche Freude machen, ſeien Sie erſter oder ſiebenter Grad! – Geleſen wird mancherlei Burckhardt, Cultur der Renaiſſance, Goethe, Annalen, Lessings Dramaturgie Entwürfe, Jonas Lie etc. Beſonders Nietz’ſche – zuletzt *hat mich ſein Schluſscapitel und das Schlußgedicht zu Jenseits von Gut u Böse ergriffen. – Eriern Sie ſich? Nietz’ſche Sentimentalität! – Weinender Marmor! Stellen, die ſogar auf Weiber wirken, ohne daß man den Stellen oder den Weibern bös werden müßte. – Werden Sie mir bald wieder ſchreiben? Arbeiten Sie viel? Erleben *Sie was? Spielen Sie aber lieber lawn-tennis, ſtatt ſich zu verlieben, oder nehmen Sie wenigſtens, we beides über Sie gekoen, das erſtere ernſter.
Herzlichen Gruſs. Den Ihrigen meine Empfehlungen. Iſt Schwarzkopf ſchon bei Ihnen? Ich ſah ihn ſchon Wochen lang nicht. –
Alſo nochmals, viele Grüße
Ihr
Arthur Sch
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